Sonntagszeitung vom 20. April 2003

Nicht Neue und nicht Alte Welt

Die südafrikansiche Weinwirtschaft steckt in einer dynamischen und aufregender Phase

VON MARTIN KILCHMANN

«Wir alle stecken in einer Waschmaschine und werden geschüttelt, dass uns schwindlig wird», sagte Kevin Arnold vom Weingut Waterford. «Ist dann mal alles zum Trocknen aufgehängt, wollen wir schauen, was daraus wird!» Die südafrikanische Weinwirtschaft befindet sich zurzeit tatsächlich in der dynamischsten, spannendsten, aber auch riskantesten Phase ihrer 300-jährigen Geschichte.

Fast wöchentlich erscheint ein neues Weingut am Horizont. Die ersten Garagenweine oder «Icon-Wines» wie am Kap das Phänomen der mit grösstmöglicher Sorgfalt in kleinstmöglicher Menge zum höchstmöglichen Preis erzeugten Tropfen genannt wird sorgen für Aufregung. Parallel dazu bringen Kellereien saubere, süffige, preisgünstige Tropfen in Grossauflage heraus. Die Produktion wächst kontinuierlich. Der Weinexport hat sich in den letzten fünf Jahren mehr als verdoppelt und avancierte zum schnellstwachsenden Exportzweig des Landes.

Wie eine Reise in eine untergegangene Welt will einem heute der erste Besuch im Herbst des Jahres 1985 vorkommen. Es herrschte die bleierne Zeit der Apartheid; intensiv wurde vorher diskutiert, ob die Visite angesichts des fast weltweit geächteten und boykottierten Regimes überhaupt opportun sei. Die Weinwirtschaft hing am Gängelband des Staats. Es bestanden strenge Produktionsvorschriften. Erzeugt wurde zwangsläufig fast nur für den Inlandmarkt.

Seltsam korrespondierte die verschlafene Atmosphäre mit der gleissenden, scharf konturierten Landschaft. Hell und licht war die Aussenwelt mit den rot und gelb verfärbten Weinbergen und den weissen Weingütern im kapholländischen Stil. Dunkel und gedrückt die Stimmung in der Innenwelt der Trutzburgen. Wie konserviert wirkten auch die Weine.

1996 erfolgte der zweite Besuch der Rebberge rund ums Kap der Guten Hoffnung. Die alte Regierung hatte abgedankt, Präsident Nelson Mandela das Ruder übernommen. Auch die Weinwirtschaft hatte sich aus den Fesseln befreit. Noch war unklar, wohin die Reise führte. Klar war, dass altes, krankes oder krankheitsanfälliges Rebmaterial ersetzt, dass in die Keller und in künftige Märkte investiert werden musste.

Im März dieses Jahres nun die dritte Reise. In den zurückliegenden sieben Jahren hat sich mehr getan als in all den Jahren zuvor. Der Rand, die südafrikanische Währung, befindet sich in stabiler Verfassung, ebenso die Wirtschaft. Die sozialen Unterschiede konnte zwar auch die schwarze Regierung nicht beseitigen. Die Squatter-Slums wurden zurückgedrängt. An ihrer Stelle stehen nun häufig bescheidene, aber zweckmässige Neusiedlungen.

Die Zusammenarbeit zwischen Weinberg und Keller wird vertieft

Die farbigen Angestellten der Weingüter hatten es schon in Apartheid-Zeiten besser als ihre Rassengenossen in anderen, weniger familiär geeichten Berufen. Nun wurde ihnen grössere Verantwortung übertragen. Beim Rebschnitt in den Weinbergen oder beim Aussortieren der unreifen Beeren am Selektionstisch haben sie direkten Einfluss auf die Weinqualität. Noch instruiert sie meistens ein Weisser. Jeder Abschlussjahrgang der Stellenboscher Weinuniversität hat aber auch nkelhäutige Abgänger, die die Gilde zunehmend aufmischen werden.Bei den leitenden Angestellten der Weingüter, den inemakern und Rebkulturisten, ist eine neue Generation von Passionierten am Werk. Offen, neugierig und mit allen Wassern der Önologie gewaschen. Sie vertiefen die Zusammenarbeit zwischen Weinberg und Keller im Wissen darum, dass ohne hochwertiges Traubenmaterial alles nur Stückwerk bleibt. Ein Betrieb, in dem der Weinmacher den Rebberg nicht kennt, erzeugt keine Spitzenqualität. Oder wie es Schalk-Willem Joubert,

Kellermeister des Joint Ventures Rupert   &   Rothschild, pointiert und nicht ganz frei von Eitelkeit formuliert: «Der beste ünger für den Rebberg ist der Fussabdruck des Winemakers.»
Als Konsequenz dieser ganzheitlicheren Sicht der Dinge wurden eheals sakrosankte Prämissen wie Sorten- oder tandortwahl kritisch hinterfragt. Längst nicht jede Rebsorte hatte im traditionellen Weinbau Südafrikas mit seinem mediterranen, manchmal geradezu nordafrikanischen Klima, welches das Sonnenmanagement zur Herausforderung werden lässt, ihren richtigen Standort, ja überhaupt eine Existenzberechtigung.
Weinstilistisch sitzen Südafrikas Winzer noch zwischen Stuhl und Bank

Heruntergefahren wurde der Anteil der weissen Sorten. Er beträgt heute rund 60 Prozent, wobei die früher prägende Chenin-Traube noch immer überwiegt, Chardonnay und vor allem Sauvignon Blanc im Aufwind sind und in den kühleren, von auffrischenden Meeresbrisen profitierenden Gebieten wie Constantia, Durbanville oder Walker Bay sehr interessante, finessereiche Weine ergeben.

Bei den Roten verstärkte sich der Anbau von Cabernet, Merlot und vor allem Syrah, die viele als die aussichtsreichste Sorte betrachten. Der südafrikanische Pinotage, eine kuriose Kreuzung von Pinot Noir und Cinsaut, entzweit mit seinen Eigenschaften aufdringlich-beeriger, auch bananenartiger Duft und eine drohende Bitterkeit im Gaumen die Weinproduzenten. Man liebt oder verabscheut ihn.

Die meisten südafrikanischen Winzer sind sich heute einig: Weinstilistisch sitzen sie zwischen Stuhl und Bank. Geschichte, Tradition und die Vorbilder binden das Weinland an Europa. Die Prägung des Weinbaus durch das Klima und weniger durch die Böden bilden Parallelen zu anderen überseeischen Weingebieten. Südafrika ist in Weindingen nicht Neue und nicht Alte Welt. Es ist der einzige Neue-Welt-Produzent in der Alten oder, umgekehrt, der einzige Alte-Welt-Produzent in der Neuen Welt. Das fordert heraus, sich einen dritten Weg zu suchen und dann dessen Charakteristik so zu verfeinern, dass er zum identitätsstiftenden Erkennungsmerkmal wird.

André van Rensburg, charismatischer Chefönologe des Top-Weinguts Vergelegen, definiert diesen südafrikanischen Pfad als ein Cross-over-Menü. Man nehme «die Eleganz und die Wertschätzung der Struktur bei den Weinen der Alten Welt» und mische dies mit «der Reintönigkeit und klaren Frucht der Neuen Welt». Was dabei herauskommt, wird jetzt zum Trocknen aufgehängt. In wenigen Jahren werden sich wohl darunter Weine finden, die das häufig gehörte Klagelied, Südafrika würde es an international reüssierenden und dadurch imagebildenden Weinikonen fehlen, verstummen lassen.